Doppelgänger - Leseproben


Augen
Absichtlich abwesend
Maskenball
Nichts zu verlieAAAAH!


Augen

Er hat dieses Foto gemacht. Von dem Jungen mit der Pistole, die täuschend echt aussah; in der anderen Hand einen toten Hahn, der echt war. Für die Produktion dieser künstlerischen Arbeit wurden keine Tiere gequält oder getötet. Wer’s glaubt. Und warum war der Hahn dann tot? Weil er ihm eigenhändig den Hals umgedreht hat, deshalb.
Er hat in den guten Jahren einige Tiere umgebracht: Hasen, noch mehr Geflügel, kleine Katzen, ein Schwein. Die Leute wollten das sehen. Er weiß nicht mehr, was zuerst kam: dass die Presse ihn in der Luft zerfetzte, als seine Tier-Morde – so nannten sie das – aufgedeckt wurden, oder dass die Kunstwelt seine Toten Augen – so nannte er seine berühmte Serie – satt hatte.
Heute fotografiert er Hochzeiten, ein paar Monate lang hat er für ein drittklassiges Sexheft gearbeitet, seine Ausstellungen haben sich in letzter Zeit in Grenzen gehalten und finden nur noch in kleinkarierten Provinzgalerien statt. Und trotzdem: Weshalb kommen die paar Leute? Einzig und allein wegen der Toten Augen. Selbst wenn sie wissen, dass er seine Tiere heute in Zuchtbetrieben kauft, wo sie auf ganz natürliche, legale Weise umgebracht werden. Seine Originale der frühen Jahre wurden beschlagnahmt und vor einiger Zeit las er in einem Magazin, dass die mittlerweile eine ganze Menge Geld wert seien. Würde man sie verkaufen, hieß es, so würde man die Hälfte des Erlöses an Tierschutzorganisationen spenden und den Rest zum Großteil in die Staatskunst – was auch immer das sein soll – stecken; dem Künstler selbst stünde nur noch eine äußerst geringe Entschädigung zu. Vor allem diesen Teil hatte der Autor des Artikels mit genüsslicher Schadenfreude garniert und der Künstler, über den sich längst nicht nur Hosentaschen-Schreiberlinge lustig machten, wurde wütend, zog eine Spur der Verwüstung quer durch den eigenen Körper und kam drei Nächte lang nicht nach Hause. Dort wartete aber ohnehin keiner auf ihn.

In diesem Moment eröffnet ein leicht angeschlagener Galerie-Inhaber seine neueste Ausstellung. Der Künstler: Doc Mason (schlechtes Pseudonym, das geht aber nicht mehr weg). Die Ausstellung: Tote Augen … revisited (natürlich).
„Paul, das wird was“, sagt der Galerist, denn er hat es ihm erlaubt, unter vier Augen seinen echten Namen zu verwenden. Paul Doc Mason nickt und schüttelt den Kopf, irgendwie schafft er beide Bewegungen gleichzeitig. Der Galerist kriegt seit den Siebzigerjahren nicht mehr viel mit, freut sich und klopft ihm auf die Schulter. Ein Bild nur will der Doc verkaufen, dann wäre zumindest einen Monat lang Ruhe, oder zwei sparsame Monate. Die Zeiten, in denen seine Arbeiten irgendjemandes durchschnittliches Jahresgehalt eingebracht haben, sind längst vorbei. Und da kommen schon die ersten Gäste.
Ein Pärchen mittleren Alters stellt sich gleich beim Eingang wichtig vor die Bilder, beide drehen sich vorsichtig um und nehmen die Brötchen ins Visier. Ein Glas Sekt für jeden, mehr wohl nicht, das Glas bitte behalten. Brötchen, verdammt. Wo waren nur die Zeiten?
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Der Doc wird zunehmends unentspannt und bestellt ein Glas Sekt. Ob er denn nicht schon eines gehabt habe, will das Mädchen mit dem Tablett wissen, lässt ihn dann aber doch zugreifen. Er bemüht sich, sie nicht anzubrüllen und ist auf seine Beherrschung sogar ein wenig stolz.
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Immerhin hat sich der Raum mittlerweile einigermaßen gefüllt. Noch mehr wichtige Pärchen und die lokale Politprominenz treiben sich zwischen seinen Bildern herum, allesamt ausgestattet mit Brötchen und einem Glas. Der Galerist beginnt zu klatschen, die wenigen, die noch eine Hand frei haben, klatschen mit. Der Applaus dauert überdurchschnittlich lange, denn die anderen stellen ihre Gläser ab und klemmen sich ihr Brot zwischen die Zähne, das dauert, und am Ende klatschen alle. Auch Paul macht mit.
„Meine lieben Freunde, ich möchte ganz kurz um eure Aufmerksamkeit bitten.“ Jetzt geht’s los. „Ich freue mich wirklich sehr, euch heute Abend einen Künstler präsentieren zu können, der – das darf man so sagen – einst weltberühmt war.“ Das darf man so sagen. „Doc Mason hat uns schockiert. Er hat uns aber auch wachgerüttelt. Er hat uns die Vergänglichkeit gezeigt, es aber immer wieder auch vermocht, uns neuen Mut zu geben. Doc Mason – oder Paul, wie ich ihn nennen darf …“ Na großartig. „… hat sich selbst nichts geschenkt.“ Das kann man annehmen. „Er hat sich am Leben, wie wir es nicht kennen, abgemüht. Das Ergebnis seht ihr heute Abend und nur hier: Tote Augen … revisited. Und keine Angst: Die Tiere sind alle eines natürlichen Todes gestorben.“ Das musste ja kommen. Verhaltenes Gelächter. „Doc Mason – lieber Paul –, es freut mich wirklich sehr, dass ich dich heute hier in meinem bescheidenen Haus begrüßen kann. Prost!“ Applaus. Paul lächelt. Was für ein Schwachsinn.
Jetzt noch der Bürgermeister: „Liebe Freunde, sehr geehrte Damen und Herren. Ich werde mich kurz halten, denn wie ich sehe, habt ihr euch schon selbst aufgemacht, die Kunstwelten des Doc Mason – und auch das Buffet – zu erkunden.“ Gelächter. Unglaublich, eigentlich. „Aber im Ernst: Was wäre unsere Welt, würde uns die Kunst nicht manches Mal einen Spiegel vorhalten. Und was wären wir für Menschen, würden wir nicht manches Mal erschaudern vor dem Bild, das sich uns in diesem Spiegel zeigt.“ Er hat sich das auch noch auf einen Zettel geschrieben. „Doc Mason ist kein bequemer Zeitgenosse.“ Das kannst du annehmen. „Er ist aber einer, der sich nicht scheut, uns durch seine Augen sehen zu lassen. Die Welt, meine lieben Freunde, ist mehr als das, was wir zu Gesicht bekommen. Ich habe mir die Bilder schon angesehen.“ Stimmt nicht. „Und ich habe auch schon mein Lieblingsbild entdeckt.“ Warum auch immer, zeigt er auf das Foto, auf dem ein totes Pferd von einer Halbnackten mit Cowboyhut bestiegen wird, und alle drehen sich zur Wand. Gute Wahl, dann kauf es mir ab, alter Sack. „Ich für meinen Teil bin froh, dass Doc Mason mir heute Abend seine Sicht der Dinge vor Augen führt, damit sie – ganz frei nach dem Titel – keine toten, sondern lebendige Augen sein mögen. Hiermit erkläre ich diese Ausstellung für eröffnet.“ Applaus.
Die Galeriebesucher gehen in plötzlichem Einverständnis allesamt eine Runde durch den Raum und geben vor, sich seine Bilder anzusehen. Es kommt noch mehr Bewegung in die Sache, als das Mädchen frische Brötchen am Buffet abliefert. Paul Doc Mason entkommt dem Bürgermeister nur knapp, lächelt sich durchs bescheidene Gewühl. Die Leute machen ihm Platz und wagen es kaum ihn anzusehen. Den großen Künstler mit den irren Bildern. Gut so.
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Absichtlich abwesend

Sie fütterte die Katzen, während ich draußen im Gras lag. Irgendwo hinten ging die Sonne unter. Ich dachte an frühere Sommer und versäumte auch diesen Sonnenuntergang. Sie rief nach mir, ich hörte nicht hin, denn ich hatte beschlossen, bewusst abwesend zu sein. Das war ein Test, er verlief erfolgreich. Ich blieb im Gras liegen, bis es dunkel war, bis im Haus das Licht ausgegangen war, bis sie schlief. Sie konnte nichts dafür. Der Test hatte nicht ihr gegolten, nicht unserem losen Zusammenleben; dennoch war sie die Testperson gewesen. Ich schlich ins Zimmer und suchte meinen Platz im Bett, sie fragte nicht und drehte sich um, sah die Wand an. Ich wusste, dass ihre Augen offen waren. Meine waren es auch, und ich hellwach. Im Geist machte ich mir Notizen, rechnete mir all die Möglichkeiten durch, die eine absichtliche Abwesenheit mit sich bringen würde. Irgendwann schlief ich ein, meine Gedanken behielt ich mir, brachte sie am nächsten Morgen zu Papier und beim Kaffee, den wir in der Gaststube des alten Dorfwirtshauses zu uns nahmen, teilte ich sie auch ihr mit. Sie würde mir erlauben, absichtlich abwesend zu sein, sagte sie. Ohne Unterton, sie meinte es so. Ich küsste ihre Stirn und begann damit.
Zwar begann ich mit dem falschen Tag, an einem, an dem niemand mich suchte, es war ein Sonntag, was mir jedoch nur recht war, denn das gab mir Zeit für die Vorbereitung meines Vorhabens. Ich ging wieder hinaus in den Garten, legte mich ins Gras und verabschiedete mich von der Welt, begann langsam damit, mich abzukoppeln, auszuschalten, zu entfernen. Dann aßen wir zu Mittag: Reis und Gemüse, ein kleines Stück Putenfleisch. Ich schlief danach ein und verschlief mit dem Nachmittag wichtige Vorbereitungszeit. Doch ärgerte mich das kaum, die notwendigsten Vorkehrungen hatte ich getroffen – in meinem Kopf, dort hatte ich beinahe alles Nötige erledigt. Was in der Welt da draußen passieren würde, kümmerte mich schließlich nicht mehr.
Montag, der erste Tag. Es funktionierte. Gegen Mittag begannen sie damit, ernsthaft nach mir zu suchen. Sie hatten sich anfangs scheinbar Sorgen gemacht, da sie mich telefonisch nicht erreichen konnten; die Sorge schlug bald um in Verwunderung – nicht: Bewunderung – und dann doch in Ärger. Auf meinen ausdrücklichen Wunsch hin hatte sie jedem einzelnen Anrufer ab der Mittagszeit mitgeteilt, dass ich fortan absichtlich abwesend sein würde. Was sie sich dann anhören musste, gab sie mir direkt weiter: Was das bedeuten solle, wurde sie gefragt. Genau das, wonach es klingt, sollte sie antworten, trug ich ihr auf. Und wie es jetzt weitergehen solle, lautete stets eine der nächsten Fragen. Das wird sich weisen, antwortete sie entsprechend meiner Anweisung. Ob man denn nicht mich selbst ans Telefon holen könne, fragten die meisten. Ich bedauere. Und: Nehmen Sie es bitte nicht persönlich.
Das taten sie natürlich doch und ich konnte es ihnen nicht übel nehmen. Ich war wohl der Erste, den sie kennenlernen mussten – nicht: durften –, der über Sonntag beschlossen hatte, künftig absichtlich abwesend sein zu wollen. So war auf meinem Schreibtisch im Büro jede Menge Arbeit liegengeblieben, an der sie sich jetzt abarbeiten mussten. Man drohte mir nicht mit der Kündigung, man wollte mir Zeit geben. Das verschaffte mir Zeit, die ich eigentlich nicht benötigte, denn alles, was zu tun war, hatte ich bereits getan.
Dann kamen natürlich auch die Zweifel, das stritt ich nie ab. Denn absichtlich abwesend zu sein, das bedeutete in erster Linie ebenso, kaum kommunizieren zu dürfen – nicht: müssen –, im Gras liegen und versuchen, dem aktuellen Sommer im Kopf den Vorzug gegenüber den vergangenen zu geben, viel zu essen, viel herumzugehen, dass bald schon ein Schleichen daraus wurde, eben: Zeit zu haben. Zeit, die ich mir vornahm, mit Bleistift und Papier auszufüllen. Ich schrieb, und wie ich schrieb, ich schrieb jedoch zum Großteil wertloses Zeug.
Eine Woche später dann die nächsten Anrufe, ernster, bestimmter. Man werde die Polizei vorbeischicken, drohte man. Dazu besteht keine Veranlassung, antwortete sie lachend, worauf sie von selbst gekommen war, denn es war ja auch lustig. Sie aber nahmen gleich das Schlimmste an, dachten, mir sei etwas zugestoßen, oder dass sie mich gefangen hielt oder ähnlich Wildes.
Sie beließen es dann aber dabei, einen Kollegen zu schicken. Er hatte eine Flasche Wein mitgebracht und vollzog seinen Besuch in äußerster Zurückhaltung, er benahm sich vorzüglich. Wir saßen im Garten und ich gab ihm Einblick in meinen Kopf, gewissermaßen; war ebenso freundlich, wie er selbst. Beinahe hätte er wohl gesagt: Wir hatten einen netten Abend. Als er ging, hatte er verstanden, dass sie es im Büro und in der Welt da draußen nicht persönlich nehmen durften. Mehr auch nicht. Das genügte vollkommen.
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Maskenball

Im Hinterzimmer stand ein Scheich und schwang seinen überdimensionalen Plastiksäbel. Damit hatte er auch das Licht ausgemacht, sämtliche Tische abgeräumt und einen Cowboy im Ernst verprügelt, als dieser ihn mit vorgehaltener Waffe zwingen wollte zuzugeben, dass Scheichs in der Regel keine Säbel tragen. Wie all die anderen, die bei der Tür zum Hinterzimmer reinsahen, wandte ich mich mehr oder weniger betroffen ab, wobei ich mir den Trachtenhut tiefer ins Gesicht zog. Wir sagten uns, der Cowboy hätte es sich selbst zuzuschreiben, und ich fragte mich, wie zum Teufel ich auf die Idee gekommen war, meinen Körper in einen absichtlich zu klein geratenen Trachtenanzug zu stopfen.
Das Fest war noch nicht voll angelaufen und irgendwie doch schon wieder zu Ende; der große Knall, den jeder für sich alleine oder vielleicht auch alle gemeinsam vollbringen würden, wurde gerade allerorts vorbereitet. Ich aber war nach wie vor auf der Suche nach meiner Kommandozentrale, einem Platz, von dem aus ich mitmischen konnte, wenn es mir denn danach sein sollte; vielmehr aber nach einem Platz, an dem ich unbemerkt bleiben konnte und mir dennoch nichts nachsagen lassen musste. Die Taktik, sich im Zentrum des Orkans aufzubauen und an der Seite der Ballband in Ruhe eine Flasche zu bestellen und zu leeren, gegebenenfalls Fragen zu beantworten und eine gute Figur im engen Trachtenanzug abzugeben, erwies sich als unbrauchbar. Denn einer Maskenballgesellschaft ist mit umgekehrter Psychologie nicht beizukommen, keinesfalls. Es brauchte nur wenige Minuten, um vom Kellner vollends vergessen und von einem Außerirdischen mit Bier vollgeschüttet zu werden. Einer Haremsdame verweigerte ich den Tanz, obwohl ich so eine Ahnung hatte, dass diese sich im Tanz gut anfühlen musste, es mir zugleich aber selbst nach drei Gläsern Schnaps nur logisch erschien, dass sie nur einem gehören konnte, und zwar dem Scheich persönlich, worauf mir dessen Plastiksäbel und Hemmungslosigkeit – beides überdimensional – wieder einfielen. Als auch noch eine Truppe Spielkarten ankam und sich umständlich eckig und mit Fäusten und Fingern die nächsten Runden ausmachte, sah ich ein, dass ich auf einen Klassiker zurückgreifen würde müssen. Der sicherste Standort: immer noch direkt an der Schank, sagte ich mir und drängte Herz-As zur Seite, um durchs Hinterzimmer – der Scheich rastete an einem der Tische – raus auf den Gang zu stolpern.
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Das Herrenklo war ein Tor zu einer anderen, schlechteren Welt, stand knöcheltief unter Wasser und direkt neben mir schüttelten drei Piraten den Kondomautomaten, den sie aus der Verankerung an der Wand gehoben hatten und der unter ihrem Schütteln die Münzen reihenweise ausspuckte. Mit vollen Taschen diskutierten sie noch, ob man es an der Schank merken würde, würden sie den Rest des Abends mit Kleingeld bestreiten; als der Piratenkapitän Scheiß drauf, let’s go! sagte, ließ ich das Wasser in eine der stehenden Lacken laufen.
Marilyn Monroe bewahrte ich noch davor, am Herrenklo auf dem Pissbecken sitzend ihr Geschäft zu verrichten, zeigte ihr die Tür zur Damentoilette, hinter der es wild zuging – damit hatte ich eine gute Tat vollbracht und längste Zeit schon hatte ich mir ein Glas verdient.
Ich kämpfte mich die letzten Meter vor, sollte einigen Soldaten versichern, von hier zu sein und Schnaps trinken, was ich verweigerte, sorgte aber dafür, dass die Soldaten gemeinsam ein Lied anstimmten, und im Schutz einer ganzen männlichen Damenfußballmannschaft tauchte ich unter und an der Schank wieder auf. Gerade zur rechten Zeit, wie es schien, denn dort gab eine Abordnung Nonnen in Strümpfen eine Runde aus.
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Nichts zu verlieAAAAH!

Das war der Satz: „Selbstzerstörung ist nur so lange lustig, solange es nicht wehtut.“ Er hatte lange darüber nachgedacht und zum ersten Mal verwendete er ihn in einem Interview mit diesem Zeitungsmann. „Wissen Sie“, schickte er noch eine Erklärung hinterher, „in meinem Alter sehnt man sich da schon eher nach Familie und Geborgenheit.“ Auch nicht schlecht.
Weshalb er dann seine letzte Frau so derart schmutzig und medienwirksam abserviert habe? „Wir hatten uns auseinandergelebt. Das passiert. Das passiert auch uns Künstlern.“ Das war die abgedruckte Version. In Wahrheit hatte er sie eine selten dumme Schlampe genannt und dreckig gelacht.

Er ist kein besonders erfreulicher Mensch, man muss ihn nicht kennengelernt haben. Aber mit ihm werden wir uns begnügen müssen. Denn er ist Teil dieser Geschichte. Einen Besseren werden wir hier kaum finden.
Dabei hätte er die Möglichkeit gehabt, zu so etwas wie einem Wohltäter der Menschheit zu werden. Er aber zeigte sich stets fest entschlossen, der Rockstar unter den Erfindern zu sein und als solcher begab er sich vor Jahren auf eine Reise, von der er nicht mehr zurückkehren wollte. Er hatte sich entschieden.

„Ich bin ein verdammter Wohltäter, Ben! Sie heißen doch Ben, nicht wahr?“ Ben, der Zeitungsmann, nickte. „Ich meine: Immerhin habe ich der Welt S.C.H.W.A.M.M.® geschenkt. Warten Sie noch zwei Jahre und sie stellen Kirchen zu meinen Ehren auf.“ Tatsächlich war er es gewesen, der der Welt S.C.H.W.A.M.M.® beschert hatte. Ein saugstarkes Produkt, ein Ding – ja, im besten Sinn ein Schwamm, der drauf und dran war, den Transport von Flüssigkeiten aller Art zu revolutionieren und die Plastikflasche zu verdrängen. S.C.H.W.A.M.M.® in der 1-Liter-Ausführung gab es bereits und in seinen Forschungszentren standen sie kurz davor, auch den zweiten Liter zu knacken. Danach würde es endgültig steil nach oben und dann durch die Decke gehen. Und sollte es erst so weit kommen, würde er endgültig durchdrehen.

Er – das war Rosko, ohne Doktor, nur Rosko. Vorname oder Nachname? Das war nicht bekannt, war nicht nötig. Einfach Rosko. Sohn von Adele und Philip S., Doktor Philip S., Erfinder des Einarmigen Hausfreundes®, einer umständlichen, knapp ein Meter hohen Blechkonstruktion, deren Produktion eingestellt wurde, nachdem erste Hausfrauen von gewissen Übergriffen berichtet hatten und deren Anwälte mit Klagen drohten.
Rosko, von seinem Vater in einem fort bedrängt, die Sache mit dem Einarmigen Hausfreund® wieder aufzunehmen, dessen Probleme mit Autorität zu beheben und das gescheiterte Produkt in neue Höhen und durch die Decke zu führen, tat seinem Alten nur den einen Gefallen, selbst Erfinder zu werden. Den Hausfreund ließ er im Keller verrotten, mehr oder weniger durch Zufall entdeckte er S.C.H.W.A.M.M.®, der Rest ist Geschichte. Seine Geschichte.

Seit einiger Zeit sah man nun Menschen auf den Straßen, die sich ihre Energiedrinks bereits aus S.C.H.W.A.M.M.® drückten, die Männer bekamen von ihren Frauen in S.C.H.W.A.M.M.® komprimierte Suppe mit in die Arbeit, die Frauen wurden von ihren Männern zum Hochzeitstag mit Parfüms überrascht, die in M.I.K.R.O.S.C.H.W.A.M.M.® gespeichert waren – einem erfolgreichen Ablegerprodukt, mit dem Rosko seine genmanipulierte Pflanzenzucht auf einer versteckten Insel finanzierte. Die Kinder wurden durch S.C.H.W.A.M.M.® mit ihren Vitaminpräparaten versorgt und die Manteltaschen der Trinker waren um einiges leichter geworden.
Besser wurde das Leben auch mit seiner Erfindung nicht, aber moderner.
Dazu ist zu sagen, dass wir uns inmitten einer leicht in die Zukunft versetzten, namenlosen Gesellschaft befinden. Viel hat sich nicht geändert, alles ist nur ein wenig verrückter geworden. Selbst als die Große Erleuchtung® im Jahr 2012 aber so was von nach hinten losging, änderte sich nicht viel. Alles wurde eben noch ein wenig verrückter.
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Impressum:

Wolfgang Millendorfer
Michael Koch Straße 20a/2/4
7210 Mattersburg
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